26. Januar 2012

Gedanken zur Fast-Halbzeit

Nach fuenf Monaten in einem voellig anderen Land als Deutschland koennte ich mal ein paar Gedanken zusammenfassen, die ich mir hier oefter mache.
Ich arbeite hier in der aermsten Stadt des aermsten Landes Suedamerikas. Neben den Bettlern, die es hier sowie auch bei uns gibt, koennen sich hier aber alle anscheinend irgendwie ueber Wasser halten. Sie haben zu essen und zu trinken und ein Dach ueber dem Kopf. Aber reicht das auch, um wirklich gluecklich zu sein? Die Kinder muessen arbeiten, um die Familie zu unterstuetzen, die Alten haben keine Rente und muessen auch noch versorgt werden. Das Leben hier ist sehr rau und sicher auch wieder ganz anders als in Santa Cruz. Dort braucht man Mueckenspray, hier gibt es nichtmal Fliegen. Nen Sonnenbrand auf der Nase hat man trotzdem ziemlich oft, da man viel naeher an der Sonne ist als in Deutschland.
"Die Bolivianer sind ein sehr hoefliches Volk" Das habe ich in einem der 1000 Dokumente zur Vorbereitung vor meiner Abreise gelesen. Am Anfang habe ich das nicht so gesehen, aber mittlerweile verstehe ich den Satz besser. Die meisten, die im Mini zusteigen, begruessen die anderen mit "Buenos dias" oder "Buenas tardes", im Restaurant mit "Provecho" (sowas wie "Guten Appetit"). Bei uns ist da meistens Schweigen angesagt. Auch wenn jemand um einen Gefallen gebeten wird, wird das sehr hoeflich getan. Fuer meinen Geschmack sogar ein bisschen zu ueberschwaenglich.
Was Solidaritaet angeht, hab ich hier aber leider noch nicht viel Positives erlebt. Da waere einmal die Geschichte mit den Kindern, die die Minibus-Tuer schliessen und oft keine Hilfe dafuer bekommen und heute hat es mich ziemlich genervt, dass die Regenschirm-Menschen ihren Regenschirm beim Entgegenkommen kein Stueck zur Seite gehalten haben. Solche Dinge sind bei uns selbstverstaendlich.
Was bei uns jedoch auch selbstverstaendlich ist, ist Konsum. Von Wasser, von Strom, von Essen und Kleidung. Ich geb zu, ich kann bei der Feria 16 de Julio, dem riesigen Markt in El Alto, auch nicht widerstehen. Fuer die Wirtschaft hier ist das bestimmt nichts Tolles, sich hier fuer weniger als 1 Euro die Altkleidersack-Teile zu kaufen (wir vermuten mal, dass das, was bei uns in der Altkleidersammlung landet, hier einfach wieder verkauft wird. Liegt auch sehr nahe, wenn man ein T-Shirt mit Aufschrift "Lidl Geschaeftsfuehrer" findet). Wasser, Strom und Essen habe ich aber noch mehr schaetzen gelernt. Die ersten zwei Dinge auch aus dem Grund, dass ich die in der Wohnung jetzt selbst zahlen muss und deshalb sparsamer damit umgehe. Das Essen mehr deshalb, weil ich das gewohnte so sehr vermisse und mir das alles hier zu wenig Variationen bietet. Es gibt zwar eine grosse Auswahl an Kleinigkeiten (wie den leckeren Erdnussriegel hmmm...), aber die Hauptgerichte sind mir einfach zu fad.

Ein Punkt, den ich schon lange mal ansprechen wollte, ist meine Rolle hier als Weisse. Wenn man hier mit Menschen ins Gespraech kommt und erzaehlt, dass man aus Deutschland kommt, sind die meisten wirklich interessiert. Wie ist das Klima dort? Sind die Menschen reich? Wie ist die Landschaft?
Ausser den interessierten Leuten gibts auch noch die Kategorie, die durch "Alemania" gleich entweder auf Hitler oder auf die Mauer schliesst. Es ist ja schoen, dass sie ein bisschen ueber deutsche Geschichte wissen, aber es gab schon eine Situation, in der jemand nicht wusste, dass Hitler (gluecklicherweise) schon seit ueber 60 Jahren tot ist. Es gab auch schon Freiwillige, die gefragt wurden, ob sie Hitler gut finden bzw. fanden. Waeren sie hier, wenn sie das taeten? Als ob wir den Holocaust gutheissen wuerden, aber einen Freiwilligendienst in Bolivien machen wuerden. Wohl kaum.
Oft werden wir hier als "Gringos" bezeichnet. Obwohl diese Bezeichnungen eine negative Vorgeschichte haben, finde ich sie nicht so schlimm, da man uns damit nicht beleidigen will. Aber das empfindet auch jeder anders.
Wenn wir schon beim Thema Rassismus sind: bis auf die Nazis, die bis heute immer noch nichts kapiert haben, sind wir in Deutschland ja relativ tolerant gegenueber anderen Hautfarben, Kulturen etc. Und hier toleriert man uns Deutsche auch. Das ist an sich ja gut, nur werden wir auch oft bevorzugt. Wenn wir z.B. abends in den Club gehen, muessen wir weder anstehen noch unsere Ausweise zeigen. Es reicht, dass wir weiss sind. Auch auf allen Werbeplakaten, sowohl in La Paz als auch in El Alto, die ich bisher gesehen habe, sind weisse Models abgebildet. Einige wenige Frauen hier pudern sich auch das Gesicht hell. Man merkt also, wie in den Koepfen von Einigen hier immer noch festzusitzen scheint, die Weissen waeren was Besseres. Fuer uns ist das totaler Schwachsinn. Und wenn man auf seine Hautfarbe reduziert wird, ist das in die eine und in die andere Richtung kein schoenes Gefuehl.
Manchmal erzaehle ich den Bolivianern, wie die Deutschen sich immer Stunden in die Sonne legen, um ein bisschen braun zu werden. Das koennen manche dann fast nicht glauben.
Ich waere uebrigens auch gerne wieder mehr braun als rot, aber selbst die 30er-Sonnencreme bringt nicht viel :D

Diese Einstellung oder Uberzeugung, wie man es nennen will, hat sicher nicht die Mehrheit hier und das ist auch gut so, aber es faellt eben bei Einigen auf.

Und noch ein letztes Thema: helfen wollen. Das ist fuer viele von uns, neben den noch nicht entschiedenen Zukunftsplaenen, einer der groessten Gruende gewesen, weltwaerts zu gehen. Nur dieses Helfen ist wirklich nicht so einfach, wie man sich das vielleicht vorstellt. Was von Vornherein klar sein sollte, ist, dass man nur im kleinen Rahmen was fuer einige Menschen tun kann. Aber trotzdem gibt es immer wieder Konfrontationen mit Dingen, die man gerne aendern wuerde aber nicht kann und die einen frustrieren: mangelhafte Lerhkraefte und Schulausbildung, Frauen mit ihren Kindern, die den ganzen Tag an der Treppe auf dem Arbeitsweg sitzen und sich ihr Geld zusammenbetteln. Dagegen kann man nichts tun, da muss mehr von der Regierung aus passieren. Und mehr von der ganzen Welt. 
Wenn man sich dann auf die wenigen Menschen konzentriert, die ins Projekt kommen, stoesst man auch auf das eine oder andere Problem. Wir sind hier nur junge Menschen, die eine Organisation unterstuetzen und sind vielleicht auch nicht immer mit den angewandten Methoden einverstanden. Ich bin im Chasqui relativ zufrieden und komme auch gut klar mit den Kollegen und Vorgesetzten und darf auch mit Vorschlaegen und Ideen kommen. Aber wenn man merkt, dass in dem Land etwas grundsaetzlich falsch laeuft, kann man das nicht einfach sagen. Wenn ich sagen wuerde: "Hey Leute, kauft mal mehr Wasser als Cola, das waern bisschen gesuender", wuerde ich mir irgendwie bloed vorkommen.
 Also insgesamt kann es schon eine schwierige Sache sein, da einen guten Mittelweg zu finden.

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