23. September 2011

El Alto - Die Höhe

Da ich sonst 3 Stunden brauch, schreib ich jetzt erstmal ueber meine ersten Eindruecke von der Stadt, in der ich wohne und arbeite. Vom Chasqui, meinem Projekt, kommt demnaechst auch was, aber meine Arbeit dort muss sowieso noch n bisschen Struktur annehmen ;).
El Alto ist ganz bestimmt keine Stadt fuers Auge, hat aber einige Besonderheiten: sie ist eine der hoechtsgelegenen Staedte der Welt in ca. 4000 m Hoehe in den Anden und ausserdem sehr jung. Seit 1988 gilt sie als eigenstaendige Stadt und hat heute um die 1 Million Einwohner (das weiss niemand so ganz genau).
Besonders an den Menschen hier ist der hohe Anteil der indigenen Bevoelkerung, die meisten koennen Aymara sprechen. Und es gibt eine Menge Cholitas, die Frauen mit 2 geflochtenen Zoepfen, langen Roecken, bunter Kleidung und einem (meines Erachtens nach) leicht schief sitzenden Hut. 
Die ersten Tage sah fuer mich in El Alto alles gleich aus. Die Stadt besteht groesstenteils aus roten Ziegelbauten und einigen Lehmhaeusern, die meistens nicht besonders hoch sind. Trotz meines normalerweise guten Orientierungssinns (jaaa, den hab ich :P )hab ich schon einige Tage gebraucht, um alleine zu meiner Arbeit in einem anderen Stadtteil zu finden.
Ausser diesen Haeusern gibt es an die 60 Kirchen, die ein sagen wir mal „ehrgeiziger“ deutscher Pfarrer hier errichtet hat. Die Menschen sind hier sehr glaeubig, in Bolivien allgemein sind 98 % katholisch.
Ausserdem hat hier fast jeder nen Hund. Anfangs dachte ich, es waeren Strassenhunde, da viele auch nachts draussen sind und in Muelltueten wuehlen, aber die meisten haben einen Besitzer. Solang man sie nicht beim Raufen stoert oder sie einem (warum auch immer) hinterherlaufen, sind sie friedlich. Naja, ich bleib trotzdem eher der Katzenfan :).
Was mir anfangs komischerweise nicht aufgefallen ist, sind die Puppen, die in jeder Strasse an den Laternen haengen. Sie sollen Diebe davor warnen, zu klauen, was in der Ceja aber leider keine Wirkung zeigt. Durch die Ceja kommt man, wenn man nach La Paz runterfahren will. Die Ceja ist die „Einkaufsstrasse“, der Durchgang nach La Paz und vor allem nachts gefaehrlich bezueglich der Diebe. Wenns dumm laeuft, bewerfen sie einen mit Dreck, damit man die Haende von seinen Sachen hat, um sie dann zu klauen. Ist mir bis jetzt noch nicht passiert, aber ich bin ja schonmal vorgewarnt. Verglichen mit dem Rest der Stadt sieht die Ceja moderner aus, es gibt mittlerweile sogar ne Uni und allgemein sind die Haeuser dort bunter und hoeher.
In El Alto kann man so gut wie alles kaufen, aber es gibt keinen Supermarkt. Alles, von Gemuese ueber Klopapier bis zum Shampoo, wird entweder in den tiendas (den kleinen Laeden) oder auf den Maerkten verkauft. In Restaurants zu essen kostet umgerechnet ungefaehr 70 Cent und auch ansonsten ist alles sehr guenstig, nur Hygieneartikel sind ungefaehr so teuer wie in Deutschland.
Der Verkehr muss natuerlich auch extra erwaehnt werden. Wichtigstes Utensil hierbei: die Hupe! Es gibt wenig private Autos, auch in La Paz und sonst in den grossen Staedten Boliviens, sondern Minibusse (die werden meistens benutzt), Microbusse und Trufis. Taxis gibt es auch, die sind vergleichsweise aber sehr teuer. In den anderen Verkehrsmitteln zahlt man einen festen Preis und steigt innerhalb der Route, die sie fahren, ein und aus wo man will. Das koennte man in Deutschland auch mal einfuehren, dann wuerde jeder (fast) vor seiner Haustuer landen J.
Um nochmal zur Hupe zu kommen: die kommt hier eindeutig oefter zum Einsatz als bei uns. Neben bekannten Situationen, wenn z.B. jemand draengelt, wird auch gehupt, wenn man ueberholt, (uebrigens egal ob links oder rechts) und um Leute von der Strasse zu scheuchen. Auch fuer letzteres gilt: Hupe > Bremse. Eigentlich ist sowieso alles ein einziges Gehupe und ich frag mich dauernd, wie das alles ohne viele Unfaelle funktioniert. Aber genau das ist auch das Faszinierende dran.
Das ist erstmal alles, was ich allgemein ueber El Alto sagen kann, zum Schluss noch ein bisschen zu mir. Wer mehr wissen will, es gibt ja auch noch Wikipedia ;) (aber am besten, wenn man die Sprache versteht, auf Spanisch lesen, das ist alles etwas aktueller).
Ich lebe bei einer sehr netten Gastfamilie und kann in meinem Zimmer ohne Jacke rumlaufen, was gar nicht so ueblich ist, weil vor allem nachts die Temperaturen sehr abkuehlen. Die ersten Tage hatte ich nachts im Bett auch ne eiskalte Nase, aber mittlerweile gehts. Das Wetter ist sehr extrem, in der Sonne kann es sehr heiss, im Schatten im gleichen Moment aber total kalt sein. Hier ist Zwiebellook angesagt. Und man wird auch nicht komisch angeschaut, wenn man gleichseitig mit Sonnenhut und Winterjacke rumlaeuft. Mal abgesehen davon, dass man sowieso die ganze Zeit angeschaut wird, weil man weiss ist ;)  Hier oben in El Alto gibt es ausser uns Freiwilligen kaum andere Weisse, ich bin zumindest noch keinem begegnet.
Meine Gastfamilie ist religioes, vor dem Essen wird gebetet und ich werd auch mal mit in die Kirche gehen (eine von den 60 ^^), ansonsten ist mir das aber freigestellt. Und ich kann mich gluecklich schaetzen, nen CD-Player im Zimmer und meine CDs mitgeschleppt zu haben, meine Musik kommt mir hier naemlich sonst etwas zu kurz. Ausser meiner kuerzlich eingefangenen Salmonellen, die ich mit reichlich Antibiotika bekaempf, gehts mir gesundheitlich ganz gut. Trotzdem freu ich mich, heut abend in La Paz mal zum Subway zu koennen (ist das jetzt Schleichwerbung?).
Das wars von mir, ich hoffe euch gehts gut und dass der Eintrag nicht zu lange, verwirrend...  ist. Ich will ja, dass ihr was lest, also kommentiert auch schoen, ob euch das so passt :)

2. September 2011

Lost in La Paz - ein detaillierter Bericht ueber meine Reise

Ich bin um halb eins nachts Ortszeit endlich in La Paz angekommen - aber alleine vor allen anderen. Am Flughafen in Muenchen gabs die erste Ueberraschung: meine Mitfreiwilligen Vera und Sebi waren nicht da, wo sie sein sollten. Am Telefon erklaerte mir die voellig verpennte Vera dann, dass wir uns nicht morgens um 6, sondern abends um 18 Uhr treffen, aber nach nem Blick auf meinen Reiseplan musste ich leider feststellen, dass ich dan wohl alleine fliegen werde. Man kann sich ja denken, wie begeistert auch meine Mama war, die mich nicht mal gerne alleine weite Strecken mit dem Zug fahren laesst :). Ich selbst bin auch nicht gerade in Freudenspruenge ausgebrochen - erstens bin ich noch nie ohne jemand anderen geflogen und zweitens haette ich mich gerne mit "Gleichgesinnten" gefreut und unterhalten. Eine nette Dame vom Service hat sich dann bemueht, mir einen Mann herzuschleppen, an den ich mich bis Lima wenden konnte. An dieser Stelle nochmal Danke an Winfried!
Das Fliegen an sich war fuer mich nach 6 Jahren natuerlich faszinierend und ich war begeistert, auf dem 12-Stunden-Flug einen Fensterplatz zu haben :) .
Die Reise verlief fast ohne Probleme, ab Lima war ich dann aber auf mich selbst gestellt. Bis auf kleine Verstaendigungsprobleme und dem Umraeumen von ein paar Kilo vom Koffer ins Handgepaeck ging alles gut und ich habs hingekriegt, mich in den richtigen Flieger zu setzen.
In Madrid hatte mich meine Mutter nochmal angerufen und gesagt, in La Paz wuerde mich jemand abholen - leider war das dann nicht so. Das war wohl die boeseste der boesen Ueberraschungen. Nach der anstrengenden Reise war ich ziemlich am Verzweifeln und war dankbar, dass ein netter Taxifahrer (ja, es war ein serioeser und ich hab drauf geachtet ;) ) mir geholfen hat, mit der Organisation in Deutschland in Verbindung zu treten. Dort hat man aber keinen erreicht, der mich abholen koennte und deshalb bin ich dann in ein Hotel gefahren. Trotz der weniger tollen Umstaende war ich absolut begeistert vom Blick nachts von El Alto auf La Paz (die beiden Staedte haengen zusammen, der Hoehenunterschied liegt aber bei 900 m). Die Stadt, die so perfekt von den Bergen ins Tal uebergeht mit den vielen Lichtern im Dunkeln war einfach beeindruckend.
Weil aber immer alles auf einmal kommt, hat das Telefon im Hotel auf meinem Zimmer nicht funktioniert und ich musste erstmal die Leute an der Rezeption nerven, bitte nochmal da und da anzurufen. Ich hab letztendlich aber keinen mehr erreicht und trotz dem beunruhigenden Gedanken, dass jetzt niemand genau weiss, wo ich bin, bin ich innerhalb weniger Minuten eingeschlafen und war einfach froh, ein Bett zu haben. Nach 5 Stunden Schlaf gabs erstmal Fruehstueck im Bett mit dem ersten Koka-Tee (der fuer mich uebrigens ein bisschen schmeckt wie milder gruener Tee mit leichtem Nebengeschmack) und ne Dusche. Danach konnte ich uebers Internet auch endlich Leute von der giz in La Paz benachrichtigen.
Als mich jemand abgeholt hat (der gesagt hat, ich spreche gut Spanisch, was mich sehr motiviert hat ;) ) waren alle inklusive mir einfach unendlich erleichtert, dass alles gut ausgegangen ist.
Was ich zu der Geschichte noch dazu sagen moechte: ich mache nicht die giz dafuer verantwortlich und will auch nicht, dass es irgendjemand anderes tut. Bisher hat alles gut geklappt und ich wurde super vorbereitet. Das Problem lag nur bei der Person oder den Personen, die meinen Flug gebucht haben und das nicht weitergeleitet haben.
Mittlerweile sind aber die anderen Freiwilligen da, unser Zimmer im Hostel ist wieder ein einziges Chaos und ich bin irgendwie auch stolz, dass ich (fast) alleine eine Reise um die halbe Welt geschafft habe.

Neben alldem moechte ich mich auch nochmal bei allen daheim bedanken fuer die schoene letzte Zeit, die guten Wuensche und die Abschiedsgeschenke. Auch wenn ich absolut begeistert vom ersten Eindruck in La Paz bin, werdet ihr mir doch sehr fehlen. Wie ich am Samstag ungefaehr 100 x wiederholt hab, ich haette euch am liebsten alle mit ins Koefferle gepackt. :)