30. November 2011

Wo bin ich hier eigentlich?


Jetzt ist das erste Vierteljahr um. Ehrlich gesagt, bevor mein Projekt hier feststand, hatte ich keine Ahnung von Bolivien. Und da ich davon ausgehe, dass das mehreren so geht und es diesem vielfaeltigen Land eigentlich nicht gerecht wird, wird es Zeit fuer eine kleine Zusammenfassung, was es denn zu wissen gibt.
(Achtung, jetzt kommt erstmal trockenes Erdkunde-Gelaber): Bolivien ist ca. 3 mal so gross wie Deutschland, mit 10 Millionen Einwohnern.
Seit 1825 ist Bolivien unabhaengig von Spanien, seinen Namen verdankt es dem Freiheitskaempfer Simón Bolívar. Von den 3000-4000 Meter hohen Anden, in denen ich den groessten Teil meines Jahres verbringe, sinkt das Land Richtung Osten bis auf Meereshoehe, was auch die unterschiedliche Vegetation erklaert. Meistgesprochene indigene Sprachen sind im ganzen Land Quechua und in meiner Umgebung Aymara

Der Praesident ist Evo Morales, 2006 ins Amt getreten und erster indigener Praesident. Anfangs sehr gefeiert wird er zur Zeit etwas kritsch beaeugt. Von der Regierung war naemlich geplant, eine Autobahn durch Tipnis (Territorio Indígena y Parque Nacional Isiboro-Secure) zu bauen, das finden die Indigenen natuerlich nicht so cool. Im Oktober haben sie sich deshalb zusammengeschlossen, um gemeinsam durch halb Bolivien nach La Paz zu marschieren und Morales zur Rede zu stellen. Der ist erstmal nach Copacabana abgehauen, in den letzten Tagen ist aber die “Ley Corta” entstanden, in der vorerst vereinbart wurde, den Strassenbau zu stoppen. Ich, eigentlich ja mittendrin im Geschehen, hab davon aber auch nur durch die Nachrichten gehoert und die vielen Indígenas bis jetzt nicht selbst gesehen.

Die chaotische Autopista
Sehr sinnvolle Idee...
In La Paz gibt es immer mal wieder bloques, oft weiss man aber nicht warum. Letzte Woche blockierten die aelteren Leute von El Alto die halbe Autopista, da sie endlich eine Rente haben wollen. Damit haben sie so ziemlich den ganzen Verkehr zwischen den zwei Staedten lahmgelegt. Warum die Minibusse aber dann am Anfang der Autopista waghalsig einfach mal die Strassenseite gewechselt haben und auf beiden Seiten sowohl rauf- wie runtergefahren sind, ergab fuer mich wenig Sinn, da kurz vor der Ceja dadurch noch mehr Chaos entstand und einfach alle Busse kreuz und quer angehalten haben... Den Rest der Autobahn musste man dann natuerlich zu Fuss gehen, aber wann laeuft man denn sonst mal ein Stueck ueber die Autobahn. Ausserdem konnte ich endlich mal ein paar Bilder von La Paz machen ;)










Die Verursacher am "Eingang" von El Alto
Die Notwendigkeit von Muelltrennung hat man hier anscheinend noch nicht kennen gelernt. Das Chasqui hat sich einem Projekt namens "Suma Thaki" angeschlossen, das auf Umwelt etc. spezialisiert ist, aber solange Apfelschalen mit Papier und Plastikflaschen zusammengeschmissen werden, bringt es wahrscheinlich nicht viel, aus alten Flaschen Vasen zu basteln.
Das Problem ist, dass nicht mal der gute Wille was bringt. Laura und ich, in den ersten zwei Wochen im neuen Zuhause bemueht, alles schoen zu trennen, mussten irgendwann feststellen, dass am Ende sowieso alles wieder zusammengeleert wird. Fuer uns ist das alles unvorstellbar und ganz schrecklich, aber auf der anderen Seite muss man auch sehen, dass einige Menschen hier so extrem arm sind, dass sie sich lieber ums Hier und Jetzt kuemmern und nicht um ihre Nachwelt.
Wo ich dann aber wirklich die Krise krieg, ist, wenn Leute ihre leeren Kekstueten einfach achtlos aus dem Auto mitten in die Yungas werfen, wo ja garantiert bald der naechste Muellmann auftaucht und die Papierchen wieder aufsammelt...

Nach  drei Monaten komme ich auch gut in meiner Umgebung zurecht und weiss schon ein bisschen, wie die Leute so ticken und wo man aufpassen sollte. Wobei ich gestehen muss, man wird schon sowas wie leichtsinnig, wenn man jeden Tag durch die Ceja faehrt. In La Paz hoert man oft "Jaja, viiiel besser, dass du hier wohnst, El Alto ist sooo gefaehrlich und schlimm!", aber an der Stelle muss man sagen, dass das auch etwas uebertrieben ist. In der Ceja ist bisher noch nicht ein mal versucht worden, mir etwas zu klauen und es gibt dort sehr viele hilfsbereite Menschen und ich frage mich bei den Aeusserungen der Paceños schon manchmal, ob sie ueberhaupt schonmal hochgefahren sind.

Ausserdem lernt man, auf bestimmte Dinge zu achten:
- Wenn mich jemand fragt, wie ich z.B. das Essen finde, sollte ich lieber alles ein bisschen verschoenern und nicht direkt sagen, wie eklig ich die tuntas finde. Auf Direktheit steht man hier nicht so.
- Wenn man nachts mit dem Taxi heimfaehrt, muss man darauf achten, dass oben auf dem Auto auch eine Nummer steht und das Taxi registriert ist. Ausserdem immer vorher nach dem Preis fragen, der kann naemlich ziemlich unterschiedlich ausfallen.
- Wenn man hier Schwimmen geht, sollte man ueber den Bikini noch T-Shirt und Short ziehen, ansonsten wird das als sehr freizuegig wahrgenommen ;) (wobei das in Santa Cruz schon wieder ganz anders aussieht)
- Wenn man Saefte auf der Strasse trinkt, besser in Plastikbechern als in Glaesern, da alles immer im selben Topf gewaschen wird. Auch an den Fast-Food-Staenden kann das Oel schon von gestern und nicht mehr gut sein. Das merkt man dann aber erst im Nachhinein, wenn man mal wieder ueber der Kloschuessel haengt...



Bis bald, bei uns steht uebrigens schon ein Adventskranz auf dem Tisch :)






20. November 2011

Yungas II


Ende der Woche gings nochmal ins Gruene nach San Agostin, diesmal mit dem Grossteil der Leute aus meinem Projekt und den Familien der Kinder. Insgesamt war es ein sehr schoenes Wochenende und ich habe einige Leute noch naeher kennen gelernt, was mich sehr gefreut hat. Man verbringt einfach mehr Zeit miteinander, als wenn man nur zusammen arbeitet.
Und ja, diesmal ging ein Teil ueber die Todesstrasse (sorry Mama, ich habs auch erst im Nachhinein erfahren), auf dem Hinweg im riesen Bus und mit unuebertrieben einem Meter Sicht, der Rest war Nebel. Der "camino de la muerte" soll der gefaehrlichste der Welt sein, da die Strecke zum einen sehr schmal ist, es keine Leitplanken gibt und sehr weit in die Tiefe geht und zum anderen jederzeit Geroell von den Bergen proeckeln kann.  Der Nebel war auch nicht so vorteilhaft... Aber: ICH LEBE NOCH! Vielleicht liegt es daran, dass unser Busfahrer die ganze Fahrt lang Cocablaetter gegessen hat und dadurch total wach und aufmerksam war ;)
Total fertig haben wir uns dann zu sechst in ein Zimmer gequetscht und erstmal geschlafen (ich zumindest, die anderen hatten sich glaub noch so einiges zu erzaehlen). Morgens haben wir dann mit den Kindern gespielt, mittags war die groesste Attraktion natuerlich der Pool. Und die Tatsache, dass wir voluntarios schwimmen koennen. Nur Wenige hier lernen schwimmen, was ich schade bzw. schlimm finde. Natuerlich wollten ganz viele, sowohl Kinder als auch Arbeitskollegen, von uns Schwimmen lernen, aber wenn man etwas fuer uns Selbstverstaendliches erklaeren muss, ist das gar nicht mehr so einfach.  So schnell hat das dann auch keiner gelernt, aber wir haben fest vor, Anfang naechstes Jahr unseren Schwimmkurs anzufangen.
Fuer alle gekocht haben am ersten Tag die Muetter und am zweiten die Vaeter (was ich ne ziemlich coole Idee fand, die auch an den Herd zu stellen). Und ansonsten haben wir einfach die Sonne genossen. Danach hatte ich den schlimmsten Sonnenbrand meines Lebens.

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Da ich so nebenbei ziemlich ueber das Essen hier gemeckert hab, mach ich zum Schluss noch ne Liste mit Sachen, die hier echt lecker sind:
- Sopa de Maní (Erdnusssuppe), die hiermit zu meiner Lieblingssuppe gekuert wird
- Salteñas, mit Gemuese und Fleisch gefuellte Teigtaschen fuer zwischendurch
- Api, ein warmes Maisgetraenk
- Yuka, die Wurzel der Cocapflanze, die aehnlich wie ne Kartoffel schmeckt
- Multivitaminjoghurt, gibts sowas auch in Deutschland?
- die unglaubliche Vielfalt an Fruechten und die Tatsache, dass man die ueberall kaufen kann, auch als frisch gepressten Saft
- selbst gemachte Erdnussriegel
- Kartoffeln, klar, dass die ausm Herkunftsland besser schmecken
(hiervon ausgenommen sind fuer meinen Geschmack die tuntas...)

Fortsetzung folgt ;)


7. November 2011

Ich bin verliebt ♥

Das Haus von aussen
...und zwar in unsere erste eigene Wohnung! Vor der Besichtigung hab ich um die Anzeige in der Zeitung schonmal ein Herz gekritzelt und siehe da - ich kann mich auf meine Intuition verlassen :)
Die Wohnung ist perfekt! Das Wichtigste natuerlich: sie ist in La Paz - und sie hat ne Waschmaschine. Ich haette nie gedacht, dass ich mich ueber sowas mal so sehr freuen werde. Und fuer den Rest sprechen die Bilder-hell, Ausblick, grosse Kueche...Und ich steh total auf die Stuehle an unserem Esstisch ;)




























Ich bin jedenfalls das ganze Wochenende mit Dauergrinsen durch die Gegend gelaufen. Naja, zumindest fast. Freitags musste ich noch irgendwie total hektisch am Telefon meiner Gastfamilie erklaeren, dass ich jetzt doch frueher als geplant ausziehen werde, sonst haetten wir die Wohnung nicht bekommen. Meine Gastmama hat aber total lieb reagiert und die anderen waren auch total verstaendnisvoll. Mit Monicas Einverstaendnis (unsere "Managerin" von der giz) und dem eigenen Sich-schnell-mal-auf-alleine-wohnen-und-nicht-mehr-behuetet-werden-Einstellen stand dem Ganzen also nichts mehr im Wege.
Ausblick Richtung Zentrum
Und es macht auch nen riesen Unterschied, ob man mit Schuhen und Jacke im Haus rumlaeuft oder nur mit Socken und wenn man sich morgens einfach mal im Schlafanzug an Fruehstueckstisch setzen kann.

Alles in allem also nochmal ein Schritt in die Selbststaendigkeit, niemand mehr der mich bekocht (ausser die Restaurants in der Mittagspause oben in El Alto) und es gibt sicher einige Dinge mehr, die man erstmal rausfinden muss.
Aber ich freu mich im Moment einfach total auf diesen neuen Abschnitt. ESTOY FELIZ!!!, damit hier auch mal was auf Spanisch steht.



4. November 2011

Zweeenig Mehl!


Mehl gab es die letzten Tage weder in El Alto noch in La Paz zu kaufen. Und warum? Weil jeder meint, vor Todos Santos alles fuer den Privatgebrauch zu Brot verarbeiten zu muessen.
Auch im Projekt haben wir Allerheiligen gefeiert, was mich etwas gewundert hat, da in El Alto so viele Indigenas leben und das eher ein christlicher Brauch ist. Vom 1.November sollen die Seelen unserer verstorbenen Verwandten und Freunde unter uns sein (anscheinend in Form einer Muecke) und am 2.November wieder dorthin zurueckkehren, wo sie jetzt sind. Dass es gerade Muecken sein sollen, find ich etwas traurig, aber ja, dieser Glaube hat sich eben verbreitet ;).
Im Chasqui wurde bis in die Nacht gebacken, damit die 10 Tonnen Brot am nechsten Tag, dem 1.November,  in allen Formen und Variationen schoen auf einem Tisch hergerichtet werden konnten, zwischen Obst und bunten Popcorn. Sinn der Sache ist, soweit ich das verstanden habe, fuer die Verstorbenen eine Art Festmahl (und eben ganz viel Brot) zu bereiten und die Dinge zu essen, die sie gemocht haben. Da das bei 40 Leuten aus dem Chasqui etwas schwierig wird, wurde in einem riesen Topf fuer alle gekocht und alles sollte aufgegessen werden (ich hab meinen Teller leider nicht geschafft...). Meine sehr glaeubige Gastfamilie hat den Tag uebrigens nicht gefeiert, gegessen haben wir aber trotzdem sehr lecker ;)
Nebenbei wurde dem Chasqui an dem Tag innen auch nochmal ein bisschen Farbe verpasst und ich konnte mich in der Turnhalle mal wieder kreativ verausgaben :) Vielleicht fange ich hier noch nen Kurs in der Richtung an, aber ich hab sowieso schon so viel vor...

Ich melde mich bald wieder,
eure Nathy